angela köntje

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Einen wunderschönen Sonntagmorgen nach Berlin! Bin schon seit 5.30 h wach und hab den Morgen auf der Flucht vor bissigen Staubmilben mit meinem Fotoapparat auf der Strasse verbracht und meine Wohngegend fotografiert. Anscheinend war ich noch vor der Müllabfuhr unterwegs, so dass ich eigentlich nur Müll vor die Linse bekommen habe (ich wohne in einer sehr angesagten Szenegegend und das sind die Nachwehen der Samstagnacht). Hab nun ein Dutzend Fotos von Commercial Waste Bins, was mich trotz oder gerade wegen meiner unzähligen, juckenden Beulen sehr belustigt (man muss dazu wissen, dass wir natürlich die für London typischen Unsummen Miete für unser Wanzenloch bezahlen, zur Zeit zudem kein Warmwasser haben - und sich das auch erstmal nicht ändern wird, da unser Vermieter die Wohnung schneller los wird, als wir uns eine neue besorgen können. Damit zieht sich der Turbokapitalismus im wörtlichen Sinne bis in den letzten Winkel meines Privatlebens - mein Bett). Anyway. Gedanken zum Thema. Ich sehe in deiner Mail zwei Gedankengänge, die meine Jukebox anwerfen (das Ding, das mich immer mit Popsongs füttert, wenn ich über irgendwas brüte). Dir geht es zum einen um die Konflikte des künstlerischen Subjekts im praktischen Alltag, was sich in der Frage nach einer Autonomie von künstlerischer Arbeit und speziell in der Frage nach subjektiver Autonomie weiterführt. Ja? - Kennst im Zweifelsfall meine Meinung dazu. Gehe davon aus, dass jede Form der Aus-ein-ander-setzung, nenn es Aneignung oder wie ich sagen würde, active agency, ein Mit-ein-ander zwingend mit-sich-bringt. Was mir konkret zu deiner Mail aus meiner popkulturellen Jukebox entgegen dudelt, ist ein Lied über Etikettenschwindel. Im besten Sinne. "A-N-N-A. Sie ist von hinten wie von vorne." Freundeskreis, irgendwann Ende der Neunziger. Das Lied foltert mich, seit ich deine Mail gelesen hab. Nicht nur, weil ich ständig eine Anna vor Augen hab, die von hinten und vorne gleich aussieht. Klar weiß ich, dass es sich um ein Akronym handelt, also ein Wort, das sich vorwärts und rückwärts gleich liest. Tatsächlich ist das aber nur auf den ersten Blick so, wenn man gewisse Kleinigkeiten übersieht. Anna ist nicht von vorne wie von hinten! Jedenfalls nicht, wenn man sich einen Deut um die deutsche Rechtschreibung schert. Die funktioniert bekannterweise zu einem nicht geringen Teil über die Groß- und Kleinschreibung von Nomen. Jenen Worten also, die den Dingen einen Namen und damit einen bestimmten Sinn geben - und versuch mal, Sinn umzudrehen ohne ihn zu verlieren. Anna schmückt sich von der einen Seite mit einem Großbuchstaben, von der anderen mit einem Kleinbuchstaben. Würde man a-n-n-A rückwärts lesen, wie es ein Akronym suggeriert, verschöbe man in der Tat den Sinn der Bezeichnung: schriebe man die Buchstaben einheitlich klein oder groß, wiederum den Charakter des Wortes als Namen. Bei genauer Betrachtung ist Anna also nur scheinbar ein Akronym. Tatsächlich spiegelt sich in der scheinbaren Unabhängigkeit von Richtung und Sinn deren Verankerung in der allgemeinen Wahrnehmung. Das anerkannt Gute, wenn ich mal auf Bourdieu verweisen darf. Nehmen wir das als Exempel für den autonomen Künstler und den Begriff autonomer Arbeit. Der Künstler an sich wird ja immer so gerne als kritische Instanz der Gesellschaft gesehen. Ich hab das Gefühl, dass die Rolle des Künstlers in unserer heutigen hoch differenzierten, höchst arbeitsteilig geregelten Gesellschaft darauf konzentriert wird, anstelle der Anderen (die ja keine Zeit mehr haben, weil sie sich um anderes zu kümmern haben) zu denken. Herrje! Ich lebe gerade inmitten der Londoner City und bin nicht zuletzt aus meinem Sandwichjob geflogen, weil ich zu langsam war. Manufaktur ist schon gar kein Wort mehr für diese hyperfunktionale Beschleunigung. Immerhin könnte man sich schneller ein fertiges Sandwich im Tesco kaufen, aber man hat's ja gerne menschelnd. Grad wenn der hinter dem Tresen zu jenem Mindestlohn arbeitet, den der Broker vor dem Tresen tagtäglich aus Gründen wirtschaftlicher Optimierung zu unterwandern versucht. Gut, aber ich war ja bei der aktuellen Rollenverteilung; dass der Künstler an sich, arbeitsteilig und gesellschaftlich effizient, das Denken für die Anderen übernimmt. (Dass er dabei selbst zuweilen Sandwiches schmieren muss, weil das Denken keinen so ultra hohen Stellenwert hat, wenn es nicht konsumerabel ist ...) Ich möchte hier erstmal darauf hinweisen, dass ich diese Form der Arbeitsteilung per se für pervers halte. Sie pervertiert klipp und klar meine Rolle als volles und eigenständiges Mitglied der Gesellschaft. Tastet mein Grundrecht auf Würde an und bringt mich in hohem Bogen wieder zu dem eingangs erwähnten Commerical Waste. Von dem ist es auch deutlich erkennbar nicht weit zu der Frage, wo der Müll her- und wo er hinkommt. Wie man damit umgeht, ist dann für die Denker unter uns. Von Commerical Waste ist es nicht weit zur Popkultur, jedenfalls aus kritischer Sicht. Damit lande ich bei meinem zweiten Ohrwurm: "Put on your blue suede shoes and dance the blues". Das Video spielt irgendwo in einer abgefuckten, von Müll übersäten Gegend. Sieht aus wie eine Favela, aus der sich die Protagonistin in eine bessere Welt rausträumt. Tanzend. Ist natürlich auch wieder ein Etikettenschwindel. Nicht nur, weil mein toller Ohrwurm das Gesicht von David Bowie mit dem Hintern von Elvis versieht, wenn wir bei dem Anna-Beispiel bleiben wollen. Bin wohl mit deinem blauen Kleid durcheinander gekommen. Sind natürlich im Original die roten Zauberschuhe aus dem Zauberer von Oz. Klick, klick, weg von hier. Ist dann nur die Frage, wann was an der richtigen Stelle ist, oder? Ok, das sind jetzt erstmal zwischen Müllbergen, Wanzen und dem temperamentvollen Geschrei meiner italienischen Mitbewohnerinnen hingeworfene Assoziationen. Die Verbindung dabei ist der nicht immer bewusste Etikettenschwindel zum Zwecke der Bedeutungsverschiebung. Nuancen, die keine sind, weil sie einem ins Auge springen, wenn man mal hinschaut und anfängt, selbst zu denken.

Lieben Gruß von hier, Angela

P.S.: Ich überarbeite den Text übrigens gerade in der Tate Modern. Charmanterweise einer der wenigen kostenfreien Rückszugsorte auf dem teuren Pflaster Londons. In der Tat hat man hier durchgesetzt, dass der Eintritt in staatliche Museen und Galerien frei ist. Kunst & kostenlos gekoppelt. Ich mag den englischen Humor!

(der dritte song ist übrigens wieder mal "you could have it so much better" von Franz Ferdinand ...)