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Raumaneignung heißt Position zu beziehen. "Gerade weil es keinen immer schon gewesenen, vorherbestimmten oder unberührten Raum einzunehmen gibt, sind raumgreifende Strategien immer als soziale Kämpfe zu verstehen, in denen das, was ergriffen wird, erst neu hergestellt werden muss." (1) Angela Köntje hat diesen Gedanken zum zentralen Thema ihrer konzeptuellen Arbeiten gemacht. Sie analysiert Strategien der Raumaneignung, die in institutionellen, politischen und sozialen Zusammenhängen auftauchen. Vielfach geht der Impuls für ihre Kunstwerke auf Umstände und Ereignisse der eigenen sozialen Rolle oder situationsspezifische Aspekte der Ausstellungen zurück. Je nach Projekt wählt sie ihre Vorgehensweise, einmal mit dem scheinbar distanziert analytischen Blick einer Feldforscherin in dem Arbeitszyklus über den Leipziger Stadtteil Neustadt-Neuschönefeld, den sie gemeinsam mit dem Künstler Peter Frey seit 2004 realisiert, oder ein andermal, indem sie selbst als Akteurin für die Arbeit Flurstück 11 (2003) in physische und soziale Strukturen eines Stadtraums eingreift, um ihm temporär eine zusätzliche Funktion und Bedeutung zuzuweisen. Farbmarkierungen gehören neben Videos, Fotografien und Installationen zum breit angelegten Repertoire ihrer künstlerischen Mittel. Ebenso vielfältig fallen die Stile und Gattungen aus, derer sie sich je nach Inhalt der Arbeiten bedient. Damit zeigt sie ihre kritische Haltung gegenüber dem herkömmlichen Werkbegriff, der den Anspruch an ein im Stil charakteristisches, monadisches und singuläres Kunstwerk beinhaltet, das von einem einzelnen Autor geschaffen wurde. Diese Kriterien verleihen Kunstwerken traditionellerweise Authentizität und Identität. Angela Köntjes Arbeitsverfahren verweigert Stil als persönlichen Ausdruck eines Künstlers und ermöglicht so eine partielle Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, was die Integrität ihrer eigenen Arbeit nicht in Frage stellt. Dass die häufig aus dem eigenen Alltag heraus angeregten Kunstwerke bei ihr nie Ergebnisse privater Natur hervorbringen, lässt sich an der Arbeit 5 mal 60 x 80 aus dem Jahr 2006 erkennen. Spätestens seit der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) durch den Hype der neuen Leipziger Malerei ein großes Kunst- und Medieninteresse gewiss ist, haben die Verteilungskämpfe um Präsentationsflächen zu den Rundgängen ein geradezu überspanntes Ausmaß angenommen. Auf fünf Bild-Text-Tafeln präsentiert Köntje die anonymisierte E-Mail-Korrespondenz ihrer Klasse, die das gesteigerte Repräsentationsbedürfnis der Studenten widerspiegelt. Nicht nur durch die Größe der Arbeiten, sondern auch beispielsweise durch spezielle Beleuchtungsanforderungen wird hier untereinander ein Verdrängungswett- bewerb inszeniert. Ironischerweise beanspruchen die überdimensionierten, gerahmten Arbeiten von Angela Köntje einen großen Teil der umkämpften Wandfläche. In ihrer Vorgehensweise greift sie Pierre Bourdieus Definition für die Aneignung von Raum durch Kommunikation und Handeln auf: "Der soziale Raum weist die Tendenz auf, sich mehr oder weniger strikt im physischen Raum in Form einer bestimmten distributionellen Anordnung von Akteuren und Eigenschaften niederzuschlagen."(2) Auf diesem theoretischen Fundament fußt ebenfalls die Arbeit DIS-POSITION (2006). Im Zentrum der Installation befindet sich eine fragile, lediglich durch Verkeilung gehalten Skulptur aus dem Mobiliar des ehemaligen studentisch betriebenen Kellercafés der HGB. Umrahmt wird sie von drei Monitoren, auf denen abwechselnd Laufschriften und Videosequenzen von redenden und schweigenden Menschen zu sehen sind. Ausgangsmaterialien sind die konfliktreiche Korrespondenz zwischen der Hochschulleitung der HGB und Studierenden wegen der Schließung des Kellercafés sowie die Auszüge aus der filmischen Dokumentation des einwöchigen Projekts how to put things we can/not space. (3) In Vorträgen, Musik, Filmen, Gesprächen, Kochsessions, Partys und informellen Zusammentreffen wurde der Zusammenhang zwischen physischem und sozialem Raum durchleuchtet. Die Aktion beinhaltet eine Reflexion über die oppositionellen Möglichkeiten von Raumnutzungen, weil für diese Gelegenheit das Kellercafé als Veranstaltungsort in der hochschuleigenen Galerie reinszeniert wurde und somit ein "Imitat" darstellt. Nun lässt sich in der als Kunstprojekt genehmigten Wiedereröffnung des Cafés keine widerständige Praxis der Raumaneignung erkennen, weil unter dem Label von Kunst, der Schutzfunktion des Ausstellungsraums sowie der zeitlichen Begrenzung des Ereignisses auch Verstöße gegen das Gaststättengesetz und Hygienevorschriften von der Hochschulleitung geduldet wurden. Gerade dieser Legitimationsprozess zur Raumaneignung war bewusst Bestandteil der Strategie des Projekts. Die Videosequenzen übertragen die komplexe inhaltliche Verflechtung von realem Raumkonflikt und Diskurs auf die Arbeit DIS-POSITION. Schnell wird klar, dass es sich nicht um reines Dokumentationsmaterial handelt. Stattdessen sind die Aussagen der repräsentativen Stellvertreter sozialer und fachlicher Bereiche fragmentarisch verknappt, so dass sie ihren ursprünglichen Sinnzusammenhang teilweise entbehren. Umso deutlicher werden die Schlagworte aus dem Diskurs um Raumaneignung, künstlerisches, soziales und politisches Handeln sowie die institutionelle Macht hervorgehoben, aufgrund derer es zur Schließung des Cafés kam. Formal knüpft die Skulptur an traditionelle Denkmäler an: vom Podest, auf dem früher Bands spielten und das nun den Sockel bildet, bis zur raumgreifenden, physischen Dominanz gegenüber dem Betrachter. Der um das Zentrum gedrehte, dynamisch aufsteigende Aufbau erinnert an Wladimir Tatlins berühmten Entwurf von 1919/20 für das Denkmal für die III. Internationale der kommunistischen Bewegung. In dem gleichzeitig als Monument und Architektur geplanten Turm kulminiert Tatlins Kunstverständnis, dessen Fundamente seit 1913/14 das Material, der Raum und die Konstruktion waren. Doch die Utopie vom künstlerisch gestalteten Raum, der eine sozial-politische Sphäre des revolutionären Russlands herstellen sollte, wurde schnell von der Realität zerschlagen. Der Rekurs auf die konstruktivistische Skulptur dient Angela Köntje dazu, ein Spannungsfeld zwischen einer künstlerischen, materialgebundenen und einer sozialen, konzeptuellen Position aufzubauen. Dabei fungieren die einzelnen Bezüge wie Zitate, die auf einen inhaltlichen oder formalen Kontext und visuelle Traditionen anspielen, um dieses symbolische Kapital für neue Aussagen nutzbar zu machen. Der Impuls für den Arbeitszyklus Homes for Neustadt-Neuschönefeld von Angela Köntje und Peter Frey entstand aus dem Interesse an den städtebaulichen und architektonischen Strukturen dieses Leipziger Stadtteils, der, obwohl nah am Zentrum gelegen, durch einen hohen Gebäudeleerstand und zahlreiche Brachflächen gekennzeichnet ist. Vor dem Hintergrund ihrer konstanten künstlerischen Beschäftigung mit den Prozessen von territorialen Abgrenzungen und von Ausdehnungen politischer oder sozialer Konflikte entwickelten sie einen Blick für vernachlässigte Gelände. Nach mehrmaligen Besuchen entdeckten sie eine Fülle individueller Bauwerke in modellhafter Größe, die von Nachbarn für wild streunende Katzen als Futter- und Schlafplatz errichtet worden waren. Fasziniert von der Vielfalt der Hausformen und der Originalität der Materialien begannen sie, ein Archiv zu den Objekten anzulegen. Sie fotografierten die Häuser, kategorisierten sie nach ihrer Bauform, hielten die zeitlichen und physischen Prozesse von Aufbau und Verfall fest sowie zahlreiche weitere Informationen. Wie Köntje und Frey beobachtet haben, orientieren sich die Behausungen erstaunlicherweise an konventionellen Ein- und Mehrfamilienhäusern und erinnern stilistisch stark an die Architektur der Moderne, ohne dass diese beiden Charakteristiken von essentieller Bedeutung für die tierische Nutzung wären. Mit Liebe zum Detail wurden Wände erreichtet, ein Dach aufgesetzt, Fenster- sowie Türöffnungen und manchmal sogar ein Fluchtausgang geschaffen. Bevor man den Zweck der Häuser kennt, stellt sich die Assoziation zu Behausungen in Favelas ein, jenen ursprünglich brasilianischen Armenvierteln, die besonders in Randlagen großer Städte existieren. In Slums auf der ganzen Welt wird mit ähnlichen Baumaterialien aus Kistenbrettern, Blechkanistern, Kartons, Wellblech und Plastikplanen gebaut. Diese provisorischen Unterkünfte befinden sich auf Grundstücken, für die die Bewohner keine legalen Besitzansprüche haben. Besonders im Fall von ungenutzten staatlichen Geländen werden die Ansiedlungen mangels Kontrollmöglichkeiten oft monatelang geduldet. In der Aneignungsstrategie lassen sich Parallelen zu den Prozessen auf den Stadtbrachen in Leipzig feststellen. Zunächst einmal erfordert es, sich unerlaubt Zugang zu einem Privatgelände zu verschaffen, vielleicht mit Hilfe eines Dietrichs oder durch ein Loch im Zaun. Ist dieses Hindernis überwunden, können sich die Katzenfreunde keineswegs in Ruhe ihrem Hobby widmen, denn es gibt widerstreitende Nutzungsinteressen verschiedener Akteure, zu denen die Grundstücksbesitzer wie auch Obdachlose, Jugendliche, Junkies und letztlich die Künstler zählen. Jeder beansprucht Raum für sich und seine Aktivitäten, so dass inoffizielle Arrangements getroffen werden. In der Aneignung von Raum verbirgt sich immer ein Machtfaktor, der durch den Staat oder private Eigen- tümer ausgeübt und auf illegal angeeignetem Territorium durch das Gesetz des Stärkeren geregelt wird. Seit einigen Jahren versuchen rechtsextremistische Gruppen, einen Machtbereich außerhalb der demokratischen Ordnung zu etablieren, den sie mit dem euphemistischen Ausdruck "national befreite Zone" bezeichnen. Besonders in einigen Orten Ostdeutschlands, so auch in der thüringischen Kleinstadt Neustadt/ Orla, schaffen Rechtsextremisten temporär von ihnen kontrollierte innerstädtische Bereiche, wo sie Menschen mit Migrationshintergrund oder die sich als links und alternativ verstehen, Homosexuelle, Juden und Behinderte terrorisieren und verjagen. Vor dem Hintergrund, dass Demokratie kein unumstößliches politisches Prinzip ist und beispielsweise angesichts rechtsextremistischen Verhaltens verteidigt, erkämpft und immer wieder neu hergestellt werden muss, kuratierten Lilian Engelmann und Vera Lauf 2003 die Ausstellung Demokratie als Prozess in Neustadt/ Orla. Angela Köntje beteiligte sich daran mit der Aktion, den Marktplatz des Städtchens zu umranden. Die gelbe Farbe markierte die Grenzen des Flurstücks 11, das der Arbeit den Titel gab. In der Kleinstadt erregte die performative Handlung Diskussionen mit der Künstlerin über die vermeintliche Zugangsbeschränkung zum Stadtkern gerade dann, wenn der Bevölkerung nicht klar war, dass es sich um eine Kunstaktion handelte. Plötzlich wurde die Frage nach den Protagonisten dieses Raums sehr real, wer auf welche Weise im öffentlichen Raum agieren darf. Doch die Frage nach dem sozialen Umgang mit Raum war nur ein Aspekt der Arbeit. Der Bezug auf das Flurstück, dessen Markierung angesichts der heutigen Bebauung teilweise absurde Winkel hervorbrachte, verweist auf die historisch gewachsene territoriale Grenze eines bestimmten Raums. Von interventionistischen über dokumentarische bis zu bildnerischen Verfahrensweisen gelangt Angela Köntje zu übergreifenden Aussagen, die dem Politischen im Alltag - ohne jedes Pathos - ein ästhetisches Äquivalent einrichten.
1 Kastner, Jens: "Was heißt Raum greifen?", in: Raum greifen, Bildpunkt, Zeitschrift der IG Bildenden Kunst, Winter 2005, S. 7.
2 Bourdieu, Pierre, "Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum", in: Wentz, Martin (Hg.), Stadt-Räume, Frankfurt/Main 1991, S. 26.
3 Die Organisatoren von how to put things we can/not space waren Yvonne Chabrowski, Angela Dressler, Stefan Hurtig, Eduard Klein, Angela Köntje und Vera Lauf. Das Projekt war Teil des Ausstellungsprogramms Raumvermittlung, das in Zusammenarbeit mit der österreichischen Künstlerin Dorit Margreiter im Rahmen des /D/O/C/K Projektbereichs der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, initiiert von Prof. Dr. Beatrice von Bismarck und Ulrike Kremeier, vom 8. Juni bis 15. Juli 2006 im Galerieraum der Hochschule stattfand.

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